Paraphenomena

Tarotdecks der Zukunft

Es war eine ganz besondere Zeit, die aufgeklärte Welt nach dem Mittelalter. Der Mensch erwachte aus einer Art Winterschlaf. Er entdeckte, dass entgegen kirchlicher Beteuerungen die Erde rund ist und dass wohl auch noch viele andere Dinge zutreffen, die von der Kirche als "Ketzerei" gebrandmarkt wurden.

Was die Kirche nicht gutheißt, ist ja selbst heutzutage noch ein Gütesiegel. Ein Paradebeispiel: als die Harry-Potter-Bücher sehr hohe Verkaufszahlen verbuchten, wurden diese aus den Kirchenbüchereien für Kinder demonstrativ entfernt, schließlich geht es ja da um Hexen und Zauberer, die Magie wirken. Zumindest hieß es, dass einige kirchliche Verantwortungsträger etwas in der Art vorhatten. Um zu überprüfen, ob es tatsächlich so geschah, müsste man schon in so eine Kirchenbücherei gehen. Doch darum geht es hier nicht, sondern um das Tarot. Und Tarotkarten wird man in Kirchenbüchereien wahrscheinlich nicht finden, selbst wenn sie Engelmotive haben.

Die esoterische Hochzeit nach dem Mittelalter war wie gesagt eine sehr experimentelle Zeit. Die Alchemie wurde weiterentwickelt und gewann an Beliebtheit und der Glaube ging Wege, die dem immer individueller werdenden Menschen gerecht wurden und sich seiner spirituellen Bedürfnisse endlich angemessen annahmen. Diese Wege waren oft sehr christlich beeinflusst, aber auch heidnisch und indisch. Diese bunte religiöse Vielfalt spiegelt sich auch in den Tarotkarten wieder, wenn man z.B. mal das Crowley-Tarot betrachtet, ein besonders weit entwickeltes Deck aus dem 20. Jahrhundert. Auf den Karten sind keltische Einflüsse zu sehen, altägyptische oder babylonische. Immer wieder taucht mal ein Kreuz auf, oder ein alchemistisches Symbol. Das Crowley-Tarot spiegelt auf seine Art die bunte Entwicklung wider, die das Tarot bis in die Moderne hinein gemacht hat.

Und die Postmoderne? Die könnte man an den Giger-Karten sehr gut erkennen. Düstere Höllenfantasien, Herr der Ringe, Wüstenplanet. Der Künstler Giger hat sein Werk zur Verfügung gestellt, um die Große Tarot-Arkana mal aus einer anderen Sicht darzustellen.
Die Shining Tribe Karten sind da schon heller und freundlicher. Man kann amerikanische Hippie-Einflüsse darin erkennen. Die 68er hatten ja sowieso ein Faible für alles, was Tribe, Indian und Ethno war - und haben es wohl auch noch heute.

Doch das ist auch schon fast Geschichte. Wenn man sich den aktuellen Stand des Kartenlegens ansieht, kann man andere, aktuellere Einflüsse erkennen. Einerseits werden klassische Decks wieder und immer wieder neu aufgelegt, ähnlich wie Melodien, die immer wieder von neuen Interpreten verändert aufbereitet erscheinen. Andererseits werden die Karten funktionaler und auch hübscher, so wie die Menschen. Sie sind zielorientierter, sprechen einem Trost von Engeln zu, helfen beim Wahrwerden von Wünschen oder beim Abnehmen. Und sie halten sich weniger an Regeln denn jemals zuvor. Willkommen in den Tarotdecks der Zukunft.

28.11.11 20:50

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